Warum ein Ausbau der Kinderbetreuung nicht nur Familien entlastet, sondern auch eine reiche Rendite für die Wirtschaft bedeutet.

Der Wecker klingelt, die Kinder wollen Frühstück. Die Tupperdosen packen, alle noch schnell Zähne putzen, rechtzeitig angezogen und abfahrbereit sein. Dann geht es los, zur Kita, zur Schule, zur Arbeit. Im Büro ein Meeting, zwei Telefonate, die Mails von gestern und die Präsentation für morgen – doch die Zeit reicht nicht: Schon sind Kita und Schule vorbei, die Kinder müssen abgeholt werden, und mehr als ein Teilzeit-Job ist undenkbar. Oder?

Bessere Kinderbetreuung bricht alte Rollenmuster auf

Es ist wie verhext: Sobald wir eine Familie gründen, fallen wir Deutschen laut Statistik in alte Rollenmuster zurück. Arbeiten geht der Mann, fast immer in Vollzeit. Die Frau reduziert auf Teilzeit oder bleibt ganz zu Hause. Nur ein Drittel der Frauen mit Kindern arbeitet in Vollzeit, bei den Männern sind es über 90 Prozent!

Das liegt vor allem an fehlenden Ganztagsplätzen in Kitas und an fehlenden Ganztagsschulen. Hier brauchen wir ein echtes Umdenken. Wenn wir beides massiv ausbauen, schaffen wir mehr Fairness zwischen Müttern und Vätern, ermöglichen eine moderne Rollenverteilung – und entschärfen nebenbei so manchen Konflikt innerhalb der Familien. Nicht zuletzt: Gerade Alleinerziehende könnten dann oft überhaupt erst wieder arbeiten und der Falle der Langzeitarbeitslosigkeit entkommen.

Gut für die Wirtschaft!

Die hohe Teilzeitquote bei Müttern ist nicht nur für die Gleichberechtigung, sondern auch für unsere Wirtschaft ein Problem. Denn damit fehlt dem Arbeitsmarkt die Arbeitskraft, die sie in Vollzeit einbringen könnten. Zusätzlich gehen in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente und hinterlassen eine riesige Lücke bei den Erwerbstätigen. Die Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit ist eine unkomplizierte Maßnahme, diese Entwicklung aufzufangen und zudem die vorhandenen Ressourcen an Wissen und Erfahrung besser zu nutzen. Denn viele der jetzigen Teilzeit-Arbeiter*innen würden gerne mehr arbeiten, verbleiben aber in Jobs, die weniger als 20 Stunden umfassen und unter ihrer beruflichen Qualifikation liegen.

Bessere Bildung und gleiche Chancen

Nicht nur Eltern würden von einem Ausbau der Betreuung profitieren: Vor allem bringt sie den Kindern eine bessere Bildung. Die zusätzliche Zeit, die sie in Ganztagsschulen verbringen, führt zu einer besseren Förderung. Das lohnt sich besonders für diejenigen Kinder, deren Eltern sie zu Hause nur wenig unterstützen können. Sie lernen besser und haben dadurch später deutlich größere Chancen. Das ist wichtig für sie, weil sie damit ein selbstbestimmtes Leben führen können, aber auch gut für uns alle: Denn es bedeutet, dass mehr Menschen erwerbstätig sein können, weil sie einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung gemacht haben – und dass es weniger Langzeitarbeitslosigkeit gibt.

Ausbau der Kinderbetreuung zum Nulltarif? Ja, das geht!

All das klingt nach einer teuren Angelegenheit. Aber das Gegenteil ist der Fall, und das ist das beste daran: Langfristig finanziert sich der Ausbau der Kinderbetreuung von selbst! Denn mit der Gesamt-Arbeitszeit steigt die Produktivität der Wirtschaft, die zusätzlichen Einkommen sorgen für mehr privaten Konsum und kurbeln damit das Wachstum an. Wenn mehr gekauft und mehr gearbeitet wird, steigen auch die Steuereinnahmen. Da parallel zu diesen Entwicklungen die Langzeitarbeitslosigkeit zurückgeht, sinken außerdem auch die Sozialausgaben für den Staat. Laut einer Studie des Wirtschaftsministeriums rentieren sich die Investitionen schon nach elf Jahren und bringen uns als Gesellschaft anschließend auch finanziell eine reiche Rendite.

Fazit: Kinderbetreuung ist eine Investition, die sich für alle lohnt

Deutschland liegt bei den Ausgaben für die Bildung seiner Kinder nur im Mittelfeld der OECD-Länder. Massive Investitionen in die Kinderbetreuung sind eine sinnvolle Ausgabe, denn sie steigern unseren Wohlstand und bringen uns ein gerechteres Land: Mit mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern und gleichen Chancen für alle Kinder.

Ich fordere deshalb, dass wir entschlossen in den Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagskitas investieren. Davon profitieren alle: Kinder, Eltern, unsere Gesellschaft, der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft. Und das Beste daran: Die Forderung finanziert sich von selbst. Dafür möchte ich mich im Bundestag einsetzen.

 

Quellen:

BMWi: Quantifizierung n der gesamtwirtschaftlichen und fiskalischen Effekte ausgewählter Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen in Deutschland. https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/renditen–oeffentliche–investitionen.pdf?__blob=publicationFile&v=8

Statista: Vollzeit- und Teilzeitquote von erwerbstätigen Männern und Frauen mit Kindern 2019. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38796/umfrage/teilzeitquote–von–maennern–und–frauen–mit–kindern/

DIW Berlin: Teilzeiterwerbstätigkeit: Überwiegend weiblich und im Durchschnitt schlechter bezahlt. https://www.diw.de/de/diw_01.c.697152.de/publikationen/wochenberichte/2019_46/teilzeiterwerbstaetigkeit__ueberwiegend_weiblich_und_im_durchschnitt_schlechter_bezahlt.html

BMAS: Arbeitsmarktprognose 2030. https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF–Publikationen/a756–arbeitsmarktprognose–2030.pdf?__blob=publicationFile